„Deutsche als Inzest-Volk beleidigt!“, „Rassistische Entgleisung!“, „Sozialdarwinismus“! So hätten wohl die Schlagzeilen gelautet, hätte sich ein AfD-Vertreter in dieser Weise geäußert, wie es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble tat. Zunächst für das Protokoll: Der Aufschrei in den deutschen Medien blieb aus. Keine BILD-Hetze gegen Schäuble. Kein ARD-MoMa-Bericht mit einem betroffenen dreinblickenden Sven Lorig. Keine Interviews mit Rechtsextremismusforschern oder Experten auf dem Spezialgebiet der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Und auch bei den Alt-Parteien: Keine Reaktion. Keine Twitter-Beleidigung von Ralf Stegner. Keine Göring-Eckhard, die Schäuble krude biologistische Thesen unterstellt und an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erinnert.

Dabei hat das, was Wolfgang Schäuble in der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte, es wirklich in sich. Schäuble wird mit den Worten zitiert: “Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe”. Ein erfahrener Bundesminister wie Wolfgang Schäuble – im übrigen wird er auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt – sollte eigentlich wissen, was er sagt. ‚Inzucht‘ wird verstanden als die Fortpflanzung relativ naher Blutsverwandter. Mit dem Begriff bemüht Schäuble kenntnislos Humangenetik und Vererbungslehre! Nach deren Erkenntnissen steigert Inzucht die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erbkrankheiten. ‚Degeneration‘ bezeichnet im medizinischen Sprachgebrauch die Rückbildung und den Verfall vorwiegend ganzer Gewebe oder Organe bis zum vollständigen Funktionsverlust.

Es ist schon besonders abfällig und beleidigend, wenn Schäuble nun das eigene Volk – gemeint ist bei ihm wohl insbesondere die deutschstämmige Bevölkerung ohne Zuwanderung – mit Begriffen wie „Inzucht“ und „Degeneration“ in Verbindung bringt, wenn man sie sich selbst überließe. Schäuble macht damit exakt das, was biologistisch begründeten Rassismus auszeichnet: Er überhöht den Wert und den Einfluss fremder Ethnien (Zuwanderer) gegenüber einer anderen Ethnie – in dem Fall der deutschstämmigen Bevölkerung. Das ist in der Tat krude, biologistisch und man möchte fast sagen: „inländerfeindlich“.

Wenn wir mit Schäuble nachsichtig wären, könnten wir ihm unterstellen, dass er mit dem Begriff ‚Degeneration‘ auf die niedrige Geburtenrate und auf die fortschreitende Alterung unserer Gesellschaft, also den demographischen Wandel, aufmerksam machen wollte. Schäuble spricht in diesem Zusammenhang ja häufiger von den Gefahren für die Finanzierung unseres Rentensystems und die Versorgung der Wirtschaft mit Arbeitskräften.

Doch in der Sache ist auch diese Argumentation einseitig, uninspiriert und erweckt den Eindruck der Alternativlosigkeit. Wir brauchen also Zuwanderung, damit unser umlagenfinanziertes Rentensystem nicht zusammenbricht? Wir brauchen also Zuwanderung, damit unsere Wirtschaft auch in Zukunft genügend Arbeitskräfte hat – gemeint sind wohl in Wirklichkeit billige Arbeitskräfte? Und das im sich abzeichnenden Industrie-4.0-Zeitalter, in dem intelligente Maschinen immer mehr Jobs ersetzen werden (insbesondere die für Geringqualifizierte).

Sind damit die Prioritäten richtig gesetzt? Wird damit nicht der Fortbestand unserer Gesellschaft, unserer Werte und unseres bisher erfolgreichen Gemeinwesens ausgeblendet? – Punkte, die wichtiger sind als eine rein wirtschaftsbezogene Betrachtung der Einwanderung.

Welche Strategien verfolgen andere Länder in dieser Frage? – Wäre das japanische Modell, das auf Zuwanderung weitestgehend verzichtet und eine aktivere Bevölkerungspolitik anstrebt, ein besseres Modell für uns? Oder wäre der kanadische oder australische Weg einer bedarfsgerechten Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ein geeignetes Modell?

Die AfD verfolgt beide Ansätze. Wir wollen durch eine aktivere Familienpolitik die Anreize für das Kinderkriegen erhöhen. Gleichzeitig fordern wir ein striktes Verfahren für die Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften, die unsere Gesellschaft tatsächlich bereichern. Die Diskussion über diese für die Zukunft unseres Landes enorm wichtige Frage muss geführt werden: Ernst, differenziert und selbstbewußt.

Was wir ganz sicher nicht brauchen, ist ein Bundesfinanzminister, der gerne unsere Steuern nimmt, Steuersenkungen auf die Zeit nach den nächsten Wahlen verschiebt und gleichzeitig die Menschen unseres Landes beleidigt.

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